Notfälle und erste Hilfe beim Pferd


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Erste Hilfe beim Pferd ist kein besonders ergiebiges Thema. Pferde sind leider für eine wirklich aktive erste Hilfe aus nichttierärztlicher Hand recht ungeeignet. Gerade im Notfall ist oft eine Beruhigungsspritze oder das fachmännische und entschlossene Anlegen einer so genannten Bremse angebracht. Das sind Aufgaben, die die allermeisten Pferdebesitzer überfordern. Im Gegensatz zum Pferd ist ja bei einem Menschen, der erster Hilfe bedarf, entweder die Einsicht da, dass ihm die erste Hilfe nützt, oder er oder sie ist bewusstlos. Außerdem sind Menschen nicht so schwer, nicht so unhandlich und nicht so gefährlich. Pferde dagegen sind so gut wie nie bewusstlos und wollen auch nicht, dass man zum Beispiel an ihrem verletzten Bein manipuliert.

Wichtig für uns als Tierärzte und für Ihr Pferd ist, dass Sie Ihren Notfall am Telefon gut beschreiben. Für ambulant tätige Pferdetierärzte ist es äußerst wichtig, Fahrten sinnvoll zu planen. Denken Sie bitte auch an die anderen Pferdebesitzer, die wegen Ihres Notfalles warten müssen, oder denen ein Termin abgesagt werden muss. Also bemühen Sie sich bitte, das, was Sie sehen, korrekt zu beschreiben um uns die Möglichkeit zu geben korrekt zu beurteilen, ob wir wirklich alles liegen und stehen lassen müssen oder, ob wir zumindest unsere angefangene Arbeit beenden können.

Im Folgenden möchte ich sinnvolle Maßnahmen angesichts einiger typischer Notfälle in der Pferdepraxis beschreiben.

Blutung aus frischer offener Wunde:

In 20 Jahren Pferdepraxis habe ich kein Verbluten eines Pferdes aufgrund einer Verletzung erlebt, so etwas ist extrem selten. Blutungen werden von Laien in ihrer Menge und ihrer Bedeutung für den Gesamtorganismus überschätzt. Man sollte sich immer vergegenwärtigen, dass ein ausgeschütteter Liter Blut eine riesige Lache bildet. Sie können das ja mal mit verdünntem Ketchup ausprobieren. Ein mittelgroßes Pony kann locker den Verlust von 3 bis 4 Litern Blut wegstecken, ein Großpferd von mindestens 8 bis 10 Litern. Wahrscheinlich werden Sie, wie die meisten Pferdehalter, immer beim Tierarzt anrufen, wenn ihr Pferd blutet. Aber vielleicht können Sie ihm die Arbeit erleichtern, indem Sie vor dem Anruf ein wenig am Pferd bleiben und beobachten, ob es sich wirklich um eine akut gefährliche Blutung handelt. Versuchen Sie sich zunächst sicher zu sein, ob Blut wirklich hervorsprudelt oder ob es ein feiner pulsierender Strahl ist, ob es vielleicht nur tröpfelt oder ob einfach nur Wunde und Wundumgebung blutrot verfärbt sind. Es schadet fast nie vor dem Anruf ein bis zwei Minuten zu beobachten, um eine zutreffende Beschreibung liefern zu können.
Die Evolution hat dafür gesorgt, dass Blutungen aus kleineren Blutgefäßen nicht tödlich werden: Ein durchtrenntes Blutgefäß zieht sich zusammen, durch Blutgerinnung wird ein Pfropfen gebildet, durch einen Blutdruckabfall wird die Durchblutung verringert. Aufgrund dieser Mechanismen stillen sich die meisten unfallbedingten Blutungen sozusagen von selbst. Bleibt eine Blutung wirklich dramatisch und sind wir nicht gleich zur Stelle können Sie versuchen, mit möglichst sauberem Verbandsmaterial oder einem sauberen Handtuch durch Gegendruck die Blutung zu vermindern. Am Bein können Sie durch einen Verband Druck auf die Wunde ausüben. Das Abbinden eines Beines oberhalb einer Blutung sollte man nur dann versuchen wenn der direkte Druck auf die Wunde keine Besserung bringt.

Bei eventueller Unerreichbarkeit eines Tierarztes (Wanderritt) kann man mit sauberem Material einen trockenen Verband anlegen. In den meisten Texten über erste Hilfe ist immer wieder von sterilen Verbänden die Rede. Das ist eine fehlerhafte Wortwahl, da auch wir diese Forderung bei einer ambulanten Wundbehandlung in der Regel nicht erfüllen müssen und können. Steril bedeutet ja vollständige Keimfreiheit, dies ist bei normalem Verbandsmaterial nicht der Fall, genauso wenig wie die Wunde Ihres Pferdes, geschweige denn deren Umgebung, steril sein kann. Wohl verwenden wir manchmal eine sterile Wundauflage, das ist jedoch bei den meisten unfallbedingten Wunden nicht nötig. Sterile Artikel sind übrigens immer einzeln oder in kleinen Gebinden eingeschweißt.

Ob man eine Wunde nun näht oder nicht ist manchmal schon für uns eine schwierige Entscheidung, deshalb kann ich hier keine eventuell missverständlichen Regeln dafür aufstellen.

Vorsicht bei kleinen gelenknahen Wunden, die Sie vielleicht für belanglos halten!
Eine möglicherweise in ein Gelenk reichende Verletzung kann eine lebensbedrohliche Gelenksinfektion nach sich ziehen.

Wundsalben haben bei der ersten Hilfe nichts zu suchen. Sie können zum Beispiel die vor dem Nähen erforderliche Reinigung stark erschweren und den Erfolg einer Wundnaht verringern. Bei frischen offenen Wunden sind sie nur schädlich und auch bei Schürfwunden ist es meist besser die Wunde durch die Luft trocknen zu lassen. Allgemein werden Salben und Tinkturen viel zu oft angewendet. Man sollte bedenken, dass diese Hilfs- oder Arzneimittel nicht aus Nächstenliebe verkauft und hergestellt werden. Den Herstellern ist es völlig egal ob Sie ihre Produkte sinnvoll oder sinnlos einsetzen. Hauptsache Sie werden gekauft.

Zwangsmaßnahmen
Wenn Sie nun einem unwilligen und unruhigen Pferd z. B. einen Verband anlegen wollen, wie können sie dann vorgehen?
Sie sollten mindestens einen, besser zwei Helfer haben. Einer hält das Pferd an Halfter und Führstrick gleichzeitig. Ein Helfer hebt ein Vorderbein auf und zwar, wenn Sie am Hinterbein einen Verband machen, das gleichseitige Vorderbein, wenn an einem Vorderbein, dann das andere Vorderbein. Derjenige, der das Pferd am Halfter oder am Zaumzeug hält, kann versuchen durch festes Kneifen einer Hautfalte am Hals oder, wenn er kräftig und pferdeerfahren ist, durch festes Packen der Oberlippe das Pferd zu beruhigen. Gegen hin und her trippelnde Pferde hilft es manchmal, das Pferd neben eine Wand zu stellen oder jemand stellt sich neben die Schulter der freien Seite.


Lahmen
Prinzipiell gilt bei jeder Art von neu, also akut aufgetretenem Lahmen, egal ob schwach oder stark: "Runter vom Pferd" und im Schritt auf kurzem und ebenem Wege in die Box oder ab nach Hause. Im Umfeld der "ersten Hilfe" geht es vor allem um ein schon im Schritt deutlich sichtbares Lahmen. Sie sollten sich auch vor einem Anruf beim Tierarzt fragen wie stark lahmt mein Pferd nun eigentlich?

Höchstgradig - Sieht man die Lahmheit schon in der Box oder im Stehen, etwa dadurch, dass das betroffene Bein nicht aufgesetzt wird? Ist jeder Schritt und jedes Drehen eine Qual fürs Pferd? Solche Pferde zittern oder schwitzen manchmal auch. Außerdem kann man das gegenüberliegende Bein nicht mehr aufheben.

Mittelgradig - man kann das Pferd noch Schritt führen, sieht dabei aber eine auffällige Lahmheit und muss langsamer als sonst gehen.

Geringgradig - Das Pferd läuft im Schritt willig mit, die Lahmheit hört man nur am Takt oder man sieht an einer Schrittverkürzung eine Unregelmäßigkeit.

Ein Sonderfall ist die Hufrehe, die man mit etwas Erfahrung oft schon an der typischen Körperhaltung erkennen kann, weil hier meist beide Vorderbeine gleich stark betroffen sind (Gewichtsaufnahme mit der Hinterhand, die Pferde stehen "zurückgelehnt"). Dies ist ebenfalls ein Notfall, der sicher am gleichen Halbtag, aber nicht unbedingt immer in der Stunde des Anrufs behandelt werden muss.

Was man bei starken Lahmheiten einschließlich der Hufrehe als Halter vor Eintreffen des Tierarztes immer tun kann ist, den Huf des betroffenen Beines anzufeuchten. Das kann - wenn es nicht in einen Kampf ausartet - auch dann nie schaden wenn die Lahmheit ganz woanders sitzt. Bei der recht häufigen Hufprellung oder einem Hufgeschwür hilft es dem Pferd und erleichtert durch das Aufweichen des Horns dem Tierarzt, der ja fast in allen Fällen erst mal mit Hufzange und Hufmesser im Huf nach einer Entzündung der Lederhaut suchen muss, die Arbeit beträchtlich. Ich halte dieses Wässern des betroffenen Hufes für die sinnvollste Erste Hilfe Maßnahme aus Laienhand in der Pferdemedizin überhaupt. Wie kann man es machen?
Man wickelt den Huf nass ein und befeuchtet das verwendete Material immer wieder, notfalls reicht ein am aufgehobenen Fuß angelegtes Handtuch, bei ruhigen Pferden mit einer Plastiktüte kombiniert, um Austrocknen oder Ablaufen des Wassers zu verhindern.
Idealerweise legt man mit einem nassen Stück Mullwatte (nasses Handtuch geht genauso), einigen elastischen Binden und Klebeband einen Hufverband an. Oder man stellt den Huf in einen Eimer mit Wasser, manche Pferde machen das ja mit...
Abspritzen mit Wasser geht auch, aber da das Wasser möglichst lange, am besten stundenlang einwirken soll, geht hierbei zuviel Wasser und Zeit verloren. Es kommt übrigens nicht besonders darauf an, dem Wasser für den Hufverband etwas hinzuzusetzen (Rivanol, Burrowsche Mischung, Braunol, Betaisodona usw. ). Ein Hufverband auch nur mit Wasser ist immer noch viel besser als gar keiner. Jeder Tierarzt wird es Ihnen außerdem danken, wenn der Huf vor der Untersuchung sauber ist. Bitte aber nicht mit Hufteer oder Lorbeeröl usw. einschmieren.


Nageltritt
Entdeckt man bei der Untersuchung eines stark lahmenden Pferdes etwa einen in die Hufsohle eingespießten spitzen Gegenstand (so genannter Nageltritt), sollte man diesen herausziehen, um ein noch tieferes Eindringen des Fremdkörpers zu verhindern. Man muss sich aber unbedingt die Stelle im Huf, in der der Nagel steckte, markieren (z. B. mit einem Hufmesser) oder zumindest gut merken. An dieser Stelle wird nämlich der hinzugezogene Tierarzt oder Hufschmied das Horn ausschneiden. Das gleiche gilt für die Tiefe, in die der Nagel eingedrungen ist. Selbstverständlich sollte so ein Pferd - am besten schon vor solchen Unfällen - Tetanus geimpft sein.


Kolik
Eine Kolik zu erkennen ist manchmal, gerade bei einem Robustpferd (zum Beispiel stehen Isländer oft nur teilnahmslos da), nicht so leicht. Hier einige Kolikanzeichen, die jedoch nicht immer vorhanden sein müssen:
Freßunlust;
Apathie (gerade bei Robustpferden wie Isländern, zusammen mit der Fressunlust oft das einzige Symptom);
Unruhe (Scharren, Umsehen, Wälzen, Kreislaufen);
Sägebockstellung wie beim Urinieren;
Kein Kotabsatz, (oft aber manchmal auch anfänglich vermehrtes "Äpfeln");
Besonders bei schweren Koliken starkes Schwitzen.

Bei 10 bis 15 % aller am Telefon gemeldeten Koliken kommt es vor, dass dann, wenn man als Tierarzt am Stall eintrifft, die Kolik schon vorbei ist. Dies passiert oft auch ohne jegliche Behandlung. Deshalb gibt es auch so viele rezeptfreie Hausmittel gegen Kolik wie z. B. Colosan oder Kaschmieder Balsam, deren Erfolg aber meist eher einer zufälligen Selbstheilung zuzuschreiben ist. Das Wort Kolik bezeichnet ja eigentlich nur Bauchschmerzen, die Ursachen können mannigfaltig sein, von relativ harmlos (Darmkrampf, geringgradige Aufgasung) über zumindest potentiell gefährlich und absolut behandlungsbedürftig (Verstopfung des Dickdarmes) bis zu unbehandelt akut tödlich (die klassischen chirurgischen, also nur durch eine Operation behebbaren Koliken mit durch Einschnürung abgestorbenem Darm).
Hier gibt es für den Laien, der erste Hilfe leisten möchte, nicht viel zu tun außer ein paar Regeln zu beachten:
Ein Pferd, das sich im Zuge einer Kolik hinwerfen und wälzen will, sollte in eine Umgebung verbracht werden, in der es sich nicht festlegen oder verletzen kann.
Auf jeden Fall sind Koliker bis der Tierarzt da ist am Fressen zu hindern, wobei ein Pferd mit einer starken Kolik ja ohnehin in der Regel keinen Appetit hat. Koliken, die sich in Apathie (Teilnahmslosigkeit, Fressunlust) äußern, können auch mal mit einer fieberhaften Infektion verwechselt werden. Deshalb sollte ein Fieberthermometer verfügbar sein (Glatt machen und weit rein schieben, ruhig mal beim gesunden Pferd üben). Eine Temperatur über 38,3 Grad spricht für eine Infektion.
Koliken können unterschiedlich dramatisch ablaufen: manchmal ist der Drang der Pferde sich hinzuwerfen so stark, dass es gar nicht mehr möglich ist, ein Pferd am Wälzen zu hindern oder zu führen. Bei leichteren Koliken ist das Führen manchmal hilfreich, zum Beispiel auch um Hautverletzungen zu vermeiden. Es ist aber sicher kaum für den Verlauf der Erkrankung entscheidend, ob das Pferd jetzt bis zum Eintreffen des Tierarztes geführt wird oder nicht. Die weit verbreitete Meinung, ein Pferd bekäme erst durch das Wälzen eine Darmverschlingung, ist falsch. Bei vehementen, sehr schmerzhaften Koliken, wie etwa bei einer Darmverschlingung wälzen sich Pferde natürlich mehr als bei einer leichten Verstopfung oder einer Krampfkolik. Deshalb wurde in der Vergangenheit hier Ursache und Wirkung verwechselt. Es gibt übrigens eine bestimmte Art von Kolik (Aufhängung des Kolons über dem Milz - Nierenband) bei der sich das Wälzen sogar günstig auswirken kann.

Werfen sich Pferde auch auf hartem Boden hin, schwitzen sie stark und sind sie stark aufgebläht, sollten Sie das am Telefon besonders erwähnen: hier besteht eine besonders gefährliche hochakute Kolik und hier ist sicher besondere Eile geboten, mehr als zum Beispiel bei einer Kolik durch Dickdarmverstopfung, deren Symptome meist milder sind und die sich durchaus mal auch unter der Behandlung über Tage hinziehen kann.


Akute Atemnot
Auch hier muss der Tierarzt mit verschreibungspflichtigen Medikamenten eine Besserung herbeiführen. Die akute Atemnot ist fast immer allergisch bedingt und meist mit einer Vorgeschichte verbunden. Gerade weil es sich ja bei einer Allergie um eine umgebungsbedingte Erkrankung handelt, sollte man bis der Tierarzt kommt versuchen, das unmittelbare Umfeld des Pferdes zu ändern. Steht Ihr Pferd mit Atemnot in der Box, sollten Sie es ins Freie führen. Steht es auf einer Weide, so sollten Sie es in den Stall führen. Akute Asthmaanfälle passieren z. B. oft in alten Ställen während mit dem Gebläse Heu in den Heuboden über den Boxen geblasen wird. Übrigens: viele Pferdebesitzer haben kein Auge für das starke Flankenschlagen Ihrer lungenkranken Tiere, man sollte sich auch als Reiter darin üben Atemschläge zu zählen. Mehr darüber unter der Überschrift Husten.


Schlundverstopfung
Eine Schlundverstopfung erkennt man an wiederholten Huste- und Würgeanfällen. Dabei kommen Speichel und Futterreste aus Nüstern und Maul.
Auch bei der Schlundverstopfung kann es wie manchmal bei einer reinen Krampfkolik auch ohne Behandlung zu einer Spontanheilung kommen. Darauf sollte man aber nicht lange warten, da als Folge dieser Erkrankung eine lebensgefährliche Lungenentzündung entstehen kann. Außerdem ist es Tierquälerei einem Pferd eine Schlundverstopfung länger als unbedingt nötig zuzumuten. Leider wollen manche Pferde trotz Schlundverstopfung weiter fressen, das ist natürlich unbedingt zu verhindern.


Augenentzündung
Bei einer mittel - oder hochgradigen Augenentzündung versucht das Pferd durch Lidschluss das Auge geschlossen zu halten. Nicht zuletzt da es sich dabei immer auch um eine Uveitis (so genannte periodische Augenentzündung) handeln kann, sollte in so einem Fall immer der Tierarzt gerufen werden. Die Heilungschancen bei dieser typischen Pferdekrankheit sinken nämlich mit der Dauer der Erkrankung sehr schnell ab. Hier ist die wichtigste Maßnahme das Pferd dunkel aufzustellen. Falls das nicht möglich ist, kann man vielleicht eine Art Augenklappe improvisieren (zum Beispiel eine Fliegenmaske mit Stoff bekleben).

Was ich mir übrigens bei so manchem Notfall schon gewünscht habe ist, dass Tierhalter in der Zeit, in der sie auf den Tierarzt warten, ihr Pferd putzen. Das ist oft gut möglich und beruhigt manchmal Pferd und Reiter. Außerdem erleichtert es uns die Arbeit beträchtlich.


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