Zur Zahnuntersuchung und Zahnbehandlung


| Zähne untersuchen | Zähne behandeln | Zähne kürzen | Zähne ziehen | Zahnbehandlung als Mode |
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Zähne untersuchen geht auf zwei Arten:

1. Sehr einfach und zwar oft auch am unsedierten Pferd, kann man die Schneide- und die ersten zwei bis drei Backenzähne durch Aufhalten der Zunge oder durch Einsatz eines einfachen Maulgatters untersuchen.

2. Eine gründliche Untersuchung, die nichts auslässt, ist jedoch nur mit einem umgeschnallten großen Maulgatter möglich. Hierfür brauchen fast alle Pferde eine Sedierung. Mithilfe des umgeschnallten Gatters lassen sich auch die hintersten Backenzähne noch betrachten und, was ich für aufschlussreicher halte, abtasten.

Zähne behandeln bedeutet beim Pferd:

1. scharfe Kanten (auch Zahnspitzen genannt) glätten, und zwar am Oberkiefer außen (buccal) am Unterkiefer innen (lingual) es gibt Pferde bei denen dies öfter als einmal im Jahr nötig ist, andere wiederum haben auch nach Jahren ohne jede Zahnbehandlung ein ordentliches Gebiß ohne scharfe Spitzen. Die scharfen Kanten führen oft zu Verletzungen der Mundschleimhaut und die können natürlich schmerzhaft sein.

2. hervorstehende Zähne oder Zahnhaken kürzen (meist an den ersten Oberkieferbackenzähnen und dann auch an den hintersten Unterkieferbackenzähnen).

3. Zähne oder Zahnbruchstücke ziehen

4. noch nicht durchgebrochene Zähne, (meist Hengstzähne) die wirklich zur Unrittigkeit führen können, freilegen

Scharfe Kanten oder Spitzen (leider immer wieder Haken genannt – das ist jedoch etwas anderes) kann man auf zweierlei Arten abraspeln:

1. Mit der Handraspel, das geht gleichmäßiger, da man immer über mehrere Zähne ziehen muß. Außerdem ist hierfür oft keine Sedation nötig. Man braucht dafür jedoch eine schlanke, flache und abgerundete Raspel die leider nicht jeder hat, der Zähne raspelt. Viele der früher angebotenen eckigen Zahnraspeln genügen dieser Forderung nicht.

2. Mit der elektrischen Schleifmaschine. Da man hier keine Zugbewegung ausführen muß, besteht leider die Gefahr bestimmte Stellen besonders stark (zu stark) und andere nur kurz oder gar nicht zu beraspeln. Deshalb haben manche Pferde nach fehlerhafter Behandlung mit der elektrischen Maschine auch ein Wellengebiß (was sie als Besitzer natürlich nicht sehen können). Die elektrische Zahnraspel lassen sich die meisten Pferde auch nur unter Sedation gefallen. Wir haben drei Stück in unterschiedlicher Länge und wenden sie auch gerne an. Sie dienen bei uns jedoch in der Regel nur zum Kürzen übermäßig vorstehender einzelner Zähne und werden dann punktgenau nur an der betroffenen Stelle angewandt.

Insbesondere wenn wir zu einem Routinezahncheck ohne besonderen Anlass gerufen werden, versuchen wir, soweit es möglich ist, zunächst mal ohne Sedation zu untersuchen und zunächst nur mit der Handraspel zu arbeiten. Getreu unserem Grundsatz so effizient wie möglich zu behandeln, wird nur dann sediert wenn es nicht anders geht. Für mich ist es auch ein Stück angewandte horsemanship eine Zahnuntersuchung und -Behandlung beim Pferd ohne Sedierung durchführen zu können. Selbstverständlich gibt es auch Pferde bei denen ohne Sedierung einfach gar nichts geht, aber sie sind bei weitem nicht so häufig wie allgemein vermutet.

Zähne kürzen geht meist am besten mit der elektrischen Zahnraspel aber manchmal auch mit einem Schlagstempel.

Zähne ziehen ist bei jedem Zahn ein bisschen anders. Manche, insbesondere wenn sie nicht mehr absolut fest sitzen, kann man am stehenden Pferd auch gleich vor Ort ziehen. Dies kann in wenigen Minuten getan sein, aber auch mal eine Stunde sehr harte Arbeit bedeuten.

In vielen Fällen ist jedoch leider immer noch eine Operation in Vollnarkose nötig, bei der der erkrankte Zahn durch den Kieferknochen ausgestempelt werden muß. Diese Operation ist jedoch aufwändig und oft mit langwieriger Nachbehandlung verbunden. Gar nicht so selten kommt es danach zu Komplikationen die man nur durch eine erneute Operation beheben kann.

Man kann auch beide Verfahren kombinieren: so ist es meist durchaus sinnvoll zuerst zu versuchen den Zahn mit einer geeigneten Zange zumindest versuchsweise zu lockern und, falls möglich, zu ziehen. Erst wenn dies nicht gelingt, wird in Vollnarkose operiert. Manchmal kann es übrigens auch sinnvoll sein abzuwarten, da sich der erkrankte Zahn mit der Zeit lockern kann. Dies ist nicht von vorneherein als Tierquälerei abzutun, da Pferde mit Ihren anders aufgebauten Zähnen (ohne im Zahn liegenden Nerv) keine Zahnschmerzen wie wir empfinden. Das sieht man schon allein daran, dass die für den Besitzer augenfällige Ursache für die Extraktion eines vereiterten Zahnes meist nicht Futterverweigerung ist sondern einseitiger Nasenausfluß (Oberkiefer) oder eine Unterkieferfistel.

Zahnbehandlung als Mode: Während der letzten Jahre ist das Behandeln von Zahnproblemen, vor allem aber die sogenannte Prophylaxe von Zahnerkrankungen sehr in Mode gekommen. Man wundert sich fast wie die Pferde in den Jahrzehnten davor doch auch grösstenteils reitbar und gesund bleiben konnten, ohne jedes Jahr einer Zahnbehandlung unterzogen zu werden. Da damit Geld zu verdienen ist, tummeln sich in den Reitställen Scharen von fahrenden Zahnbehandlern, manchmal Tierärzte, manchmal ungelernte und ungeprüfte Zahnbehandler. Einige davon mögen gute Arbeit leisten. Meist beschränken sie sich auf Routinearbeiten und beschäftigen sich ausgiebig mit Normalbefunden an den Schneidezähnen (z. B. wird völlig unsinnigerweise der sogenannte Einbiß an den I3 weggeraspelt der den Pferden wenn man ihn belässt bestimmt keine Probleme macht). Unter anderem wird von sogenannten bitseats gesprochen und dafür die ersten Backenzähne angeschrägt. Wer so etwas mit seinem Pferd machen lässt sollte sich mal fragen in welchen Situationen ein Gebiss überhaupt die ersten Backenzähne berührt. Man muss als Reiter schon eine sehr grobe Einwirkung haben um eine Trense oder Kandare regelmäßig in diese Regionen zu bekommen.

Als Besitzer sollten sie bedenken, dass Zahnbehandler von weit her erstens schwer zu erreichen sind, wenn es wirklich ernst wird und dass sie, wenn sie keine Tierärzte sind, nicht an irgendwelche Berufsordnungen gebunden sind. Natürlich sind solche überregional oder gar international arbeitenden Handelsreisenden in Sachen Pferdezähne auch schwer zu belangen, wenn es einmal zu einem Schadensfall kommt. Warum sie besser sein sollen als ein Tierarzt vor Ort, der sich entsprechende Erfahrung durch Kurse und vor allem durch Praxis verschafft hat und gut ausgerüstet ist, ist mir schleierhaft. Es ist jedenfalls eine recht leichte Arbeit einem gesunden Warmblüter routinemässig die Zähne zu beraspeln oder Wolfszähnchen zu ziehen. Ob einer ein wirklich guter Pferdezahnarzt ist, zeigt sich viel mehr bei schwierigen Aufgaben: zum Beispiel ob es gelingt ein altes Pony mit Wellengebiß durch eine Zahnbehandlung dazu zu bringen keine Heuwickel mehr zu kauen.

Ich bezweifle die Notwendigkeit bei allen gesunden und unauffälligen Pferden große jährliche Zahnaktionen durchzuführen. Auch liegt wenig Sinn in Zahnerhaltungsmaßnahmen wie sie beim Menschen üblich sind. Man sollte dabei bedenken, dass unser Menschenleben viel länger dauert, da lohnt es sich natürlich schon viel mehr einen Zahn zu überkronen oder Karies (die beim Pferd ohnehin selten ist) auszubohren und zu füllen. Außerdem haben, wie bereits erwähnt, Pferde keine Zahnschmerzen wie wir. Aus Tierschutzgründen eher traurig ist, dass bei alten Pferden die es viel mehr nötig hätten als z. B. achtjährige Turnierpferde oft kaum in die Zahngesundheit investiert wird, bei jungen Pferden dagegen oft mehr als nötig. Manchmal müssen die Zähne wohl auch als willkommener Grund für die Unrittigkeit eines Pferdes herhalten, die in Wirklichkeit durch reiterliche Schwächen und mangelnde Geduld bedingt ist.


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